Es ist Mitternacht. Statt ins Bett zu gehen, sitze ich am Schreibtisch und schreibe diesen Blogbeitrag. Eigentlich sollte etwas ganz anderes die Tage online gehen, aber jetzt schreibe ich gerade dann doch das hier. Denn etwas stört mich ganz gewaltig. Schon seit Tagen. Aber an diesem Abend ganz besonders.

Das erste Mal nach langer Zeit habe ich mal wieder “Wer wird Millionär” gesehen. Heute war eine Influencerin zu Gast. Ist ja auch schön und gut, Influencer werden entgegen populärer Meinung nicht mit Geld überhäuft und haben wie jeder andere auch das Recht, an der Sendung teilzunehmen. Wie eigentlich bei jedem Showgast: geteilte Meinungen. Die einen finden Temperament erfrischend, die anderen einfach nur nervig. Auch nichts Neues. Mit dem Unterschied, dass diese Person diesmal eine Plattform anbot, das alles loszulassen. Mit “das alles” meine ich so ziemlich jeden Kommentar zur Sendung, zum Aussehen, zum Charakter. Oh, und wie es losgelassen wurde. Ich habe selten in meinem Leben so hasserfüllte Kommentare gelesen. So hasserfüllt, dass es mir eiskalt den Rücken runter lief, obwohl es noch nicht mal um mich ging. Bis dato finden sich in der Kommentarspalte auf dem Instagram Profil der Kandidatin Laura Brodda über tausend nicht gerade nette Kommentare. “Du bist so unsympathisch und hässlich!!” hier noch das Harmloseste.
Nochmal zur Klarstellung: es ist völlig in Ordnung, einen Menschen schrecklich zu finden. Leute finden andere Leute auf ganz unterschiedliche Art sympathisch. Es gibt Menschen, die findet man ganz schrecklich. Oder eben nicht. Alles völlig legitim.

Muss man das aber der Person, um die es geht, so direkt aufs Auge drücken? Sollte nicht gerade die Tatsache, dass die Person durch eine Plattform direkt erreichbar und somit verletztlich ist, vor unkonstruktiver Kritik (oder auch purem Hass) zurückschrecken lassen? Denn selbst ein einem unsympathischer Mensch hat Gefühle. Geht man zu einem Bäckermeister, der bei WWM teilnimmt, in den Laden und kotzt sich dort so richtig aus? Sagt man dem Bäckermeister, dass er für seinen Beruf völlig ungeeignet ist? Das als weiteren häufigen Kommentar: sie habe es nicht verdient oder sei völlig ungeeignet dafür Influencerin zu sein. Oder solle erstmal überhaupt einen richtigen Beruf lernen. Äh. Ab wann hat man es “verdient” Influencer zu sein? Wenn man ein toller Mensch ist? Aber nach welchen Maßstäben?

Nach allem, was ich heute Abend gelesen habe, kristallisiert sich für mich eines raus: Das (negative) Bild des Influencers scheint für die meisten schon vorausgesetzt zu sein. Man liest Kommentare wie: “War ja klar, dass das dein Beruf ist.” und “Haha natürlich ist sie auch noch Influencerin!” Für den Großteil der Hasskommentare schien dies ja prima zusammen zu passen: unsympathisch sein und Influencer sein.
Hasskommentare im Internet sind für mich keine neue Beobachtung. Aber diese Woche beschäftigt mich besonders eines: Warum werden gerade Influencer so gehasst? Warum ist ein Mensch automatisch viel unsympathischer, nur weil er Influencer ist? Was macht Influencer aus Prinzip so hassenswert?

Vor circa zwei Wochen hat die Influencerin Chiara Ferragni ihr erstes Kind auf die Welt gebracht. Der dazugehörige Kommentar in der Onlineausgabe der FAZ trug die Überschrift: “Wenn Narzissten Kinder kriegen.” Nach dieser Leitlinie auch der Artikel. In erster Linie wurde Chiara Ferragnis Affinität für Selfies hervorgehoben. Daneben dann ihr Erfolg, sich einen hübschen Mann, der sich gerne mit seinem tättowierten nackten Oberkörper zeigt, zu angeln. Schließlich das Fazit, dass mit dem Nachwuchs das Instagram-Erbe nun abgesichert wurde. Mit keinem Wort die Erwähnung, dass Chiara Ferragni eine der ersten Modebloggerinnen überhaupt ist und nahezu eine neue Berufsgruppe erschaffen hat. Oder dass sie im Jahr 2017 CEO ihres millionenschweren Unternehmens “The Blonde Salad” wurde, welches über 30 Mitarbeiter beschäftigt. Dass sie mit weiteren (Obacht: männlichen!) Business-Titanen auf das Cover eines wichtigen italienischen Managermagazins geschafft hat. Dass der Aufstieg und der Erfolg ihres Blogs als Case-Study in der Harvard Business School behandelt wird und sie dort mehere Male über ihren Erfolg referiert hat. Ich kenne Chiara Ferragni natürlich nicht persönlich. Ich kann keine Aussage darüber machen, ob sie narzisstisch ist. Ich kann auch keine Aussage darüber machen, wie intelligent sie ist und wie viele Hilfe sie bei ihrer Arbeit bekommt. Aber darum soll es auch gar nicht gehen bzw. trifft die Sache nicht im Kern. Vielmehr zeigt sich hier wieder eines: einseitige und vor allem negative Berichterstattung.

Ich persönlich mag auch nicht jeden Influencer. Aber es gibt Influencer, deren Inspiration mir sehr am Herzen liegt. Luise von luiseliebt.de beschreibt dies sehr treffend in ihrem Buch “Follow me!“:

“Ich wünsche mir Reportagen, die sich darum drehen, wie vielfältig Jugendliche in den neuen Medien ihre Kreativität ausleben. Wie spannend die Blogosphäre ist. Reportagen, die sich darum drehen, wie viele Follower die Selbstliebe-Influencerin zum Positiven beeinflusst hat. […] Die Reportage könnte auch so anfangen: “Diese Frau ist ein Star, weil sie 300.000 Menschen das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein.””

Ja, genau das wünsche ich mir auch. In jeder Berufsgruppe gibt es Menschen, die ihre Sache nicht gut machen. Ein Bäckermeister kann schlecht sein und seine Kunden hintergehen (man merkt langsam, dass ich gerade ziemlich Hunger auf ein saftiges Teilchen habe, oder?), genauso wie ein Influencer einen Text für ein schreckliches Produkt von der Firma vorhergesagt bekommt und dann veröffentlicht. Meiner Meinung nach gibt es noch nicht mal so viele (meistens subjektiv empfundene) “schlechte” Influencer. Aber diese bekommen nun mal die meiste Erwähnung. Und das prägt das Bild vom Influencer gleich Influenzer. Wodurch dann eine einigen Leuten nicht sympathische “Wer wird Millionär”-Kandidatin plötzlich zur Teuflin wird und einen totalen Shitstorm auslöst. Weil sie eben auch noch Influencerin ist.

Influencerhass ist in. Das führt dann auch zu dem gegenteiligen Effekt, dass die Person bzw. die mit ihr assoziierten Eigenschaften immer mehr Bekanntheit erreichen. Statt Influencern, die man nicht mag zu entfolgen, werden auf ihren Seiten Kommentare hinterlassen und meistens sogar neu gefolgt, wenn das vorher noch nicht der Fall war, um auch über zukünftige Posts haten zu können. Der Influencerhass scheint irgendwie lieb gewonnen worden zu sein. Und so sitzt man in dem Teufelskreis fest, in dem einer bestimmten Art von Influencern mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und die stark einseitige Berichterstattung mit sich bringt.

Dieses allgemeine Leitbild trägt sich auch in meinen eigenen Alltag hinein. Als erstes gesagt: ich bin keine Influencerin. Aber ich habe aufgrund meiner Followerschaft auf Instagram schon ein paar kleinere Sachen geschenkt bekommen, die man an einer Hand abzählen kann. Als meine erste Kooperationsmail eintraf war mein erster Gedanke nicht “Juhu!”, sondern: “Was wirst du jetzt machen? Das wird gar nicht gut ankommen.” Auf Instagram habe ich zum Glück noch keine negativen Kommentare einstecken müssen, hatte aber schon mit Freunden und Bekannten einige Diskussionen. Da fielen dann Sätze wie “Nee, ich kann das einfach generell gar nicht ab!” Und genau das meine ich mit gesellschaftlichen Leitbildern. Würde ich jetzt irgendwie ungeschickt Werbung für ein Produkt machen, stünde das im Vordergrund. Nicht, dass ich versuche öffentlich über meine Behinderung zu sprechen. Nicht, dass ich versuche mehr “conscious” zu leben. Nicht, dass ich versuche zu mehr Selbstliebe zu animieren.

Was wurde – jetzt ganz speziell – aus “Women should support women”? Verdient eine Berufsgruppe wegen ein paar vielleicht nicht so glänzender Beispiele so viel Kritik und Hass? Entsteht so leicht der Eindruck, dass Influencer nicht hart in ihrem Beruf (Ja. Es ist ein “richtiger” Beruf.) arbeiten? Können Influencer nicht auch nette Menschen sein?

Ich warte auf den Moment, wo sich das Bild ändert. Wo der Hass out wird. Wo vielleicht Platz für Positives wird.

Kolumne: Wir sind doch alle gleich und das …

Kolumne: Wir sind doch alle gleich und das ist irgendwie schön

Ein Versuch im Experiment Kolumne. Ich habe lange darüber nachgedacht ob ich das überhaupt machen will, es bestimmt 10 mal neu geschrieben und poste es jetzt einfach. Wir sind ganz individuell. Oder? Thema: Individualität. Oh ja, dieses Wort. Dieses Thema. Individualität. Etwas, das uns scheinbar alle umgibt. Mit der wir aufgewachsen sind. Von klein auf wurde uns gesagt: “Du bist einzigartig. Dich gibt es nur einmal. Zeig doch bitte allen Leuten, wie einzigartig du bist.” Und ja, diese Botschaft stimmt… View Post